Tag 2: Stecke ich in einer Midlife-Crisis?

Nein, nicht ganz. Nach einer durchzechten Nacht, die ich anstatt mit meinem Freund mit meiner Bachelorarbeit verbracht habe, kam mir der Einfall der Selbsttherapie. Geht ganz einfach: jegliches Symptom, psychischer oder physischer Natur, einfach bei Google eingeben und schauen was dabei rauskommt. Heutige Diagnose: Quarterlife-Crisis. Gestellt von: Wikipedia. Fachkürzel: QLC.
Ich wusste selber nicht, dass es so etwas überhaupt gibt – klingt aber ganz schön gefährlich.

Ich stehe kurz vor meinem Bachelor-Abschluss und habe eine Geisteswissenschaft studiert (nein – nicht auf Lehramt!). Vielleicht reicht das für manche Leidensgenossen ja bereits als Begründung. Aufgrund der wenigen und gleichzeitig so unfassbar vielen Möglichkeiten, die sich mir nun eröffnen, habe ich vor einigen Monaten begonnen, mein ganzes Leben zu hinterfragen: Was habe ich da eigentlich die letzten drei Jahre gelernt? Warum weiß ich heute so viel über das Verhältnis von Thomas Mann zu Luthers Reformation und über die Prostitution im 19. Jahrhundert, habe aber trotzdem das Gefühl, das große Ganze nicht mal ansatzweise zu begreifen? Muss ich mich dafür schämen, dass ich „irgendwas mit Medien“ machen möchte? Wieso habe ich nicht in allen Semesterferien ein Praktikum gemacht und wie schlecht ist es um meinen Lebenslauf jetzt eigentlich bestellt? Soll ich alles hinschmeißen und vielleicht einfach ein Zweitstudium in Jura beginnen? Wäre ich dann glücklich?

Wikipedia sagt, dass die existenziellen Sorgen, die man sich kurz nach dem Erwachsenwerden macht, denen einer Midlife Crisis stark ähneln. Es gibt sogar schon Bücher über die Lebenskrisen der Mittzwanziger, ich bin also offensichtlich nicht alleine. Die Merkmale einer Quarterlife Crisis, die meist auftrete, wenn man das erste Mal nach der Uni mit der Berufswelt in Kontakt kommt, seien Zukunftsängste, nicht zu wissen, ob die eigenen Fähigkeiten ausreichen werden auf dem Arbeitsmarkt und ob nicht alle besser sind als man selber, Geldprobleme, sich einsam fühlen und der Wunsch, wieder an die Schule zurückzukehren.
Spätestens an diesem Punkt habe ich gestockt. Will ich das denn wirklich? Zurück zur Schule?
Ehrlich gesagt, nein. Klar, da war alles noch ganz einfach. Die vermutlich wichtigsten Entscheidungen waren, welche Leistungskurse man wählt und ob man in der Mittagspause in der Mensa isst oder doch zum nächsten Imbiss läuft. Aber dafür war man noch viel unselbstständiger und das Leben doch ziemlich fremdbestimmt.

Als ich so darüber nachgedacht habe, fand ich es plötzlich ganz cool, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, so viel über Thomas Manns „Doktor Faustus“ und die Syphilis-Erkrankungen der deutschen Prostituierten im Kaiserreich erfahren zu haben. Denn das habe ich ja freiwillig entschieden.
Ist nicht eigentlich genau das das Spannende an unserem Alter? Eben nicht zu wissen, was kommt, aber gleichzeitig noch alles vor sich zu haben und genau das lernen zu können, was einen wirklich interessiert?! Vielleicht wissen wir noch nicht so genau, in welchem Beruf wir mal arbeiten werden, bestimmt auch nicht, wenn wir Jura studieren. Vielleicht haben wir nicht genug Praktika, aber dafür in den Semesterferien ganz schön tolle Reisen gemacht. Vielleicht werden wir irgendwann mal finanzielle Probleme bekommen, aber wir können gleichzeitig noch alles erreichen, die Welt sehen und unseren Traumberuf finden. Auch unser Lebenslauf wird es sicherlich verkraften, wenn wir mal ein halbes Jahr nichts Neues eintragen.

Irgendwie klappt es bestimmt. Also das mit unserer Zukunft. Am Ende wurde ja doch immer alles gut. Vielleicht hat die Quarterlife-Crisis dann sogar etwas Positives an sich. Wenn wir die erstmal überstanden haben, kann das mit der Midlife Crisis ja gar nicht mehr so schlimm werden.

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