Tag 12: #MeToo

Ich habe langsam keine Lust mehr.
Keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, dass die im Moment öffentlich geführte Sexismus-Debatte doch eigentlich ein bisschen übertrieben sei. Dass es ja wirklich lächerlich wäre, wer sich da jetzt alles so zu Wort melden würde. Dass man als Mann doch bald nicht mehr wissen würde, was Frauen gegenüber überhaupt noch erlaubt sei und was nicht. Ich habe keine Lust mehr zu lesen, dass davon auszugehen sei, dass einige Hollywood-Schauspielerinnen sich die Geschichten ihres sexuellen Missbrauchs bestimmt ausdenken würden, um berühmt (oder noch berühmter) zu werden. Dass diese Frauen doch auch lange genug selber mitgespielt und dem Weinstein sicherlich auch ganz gerne Bestätigung gegeben hätten, um an Filmrollen zu kommen. Dass eine Frau, die irgendwann mal von einem fremden Mann begrapscht wurde, nun wirklich keinen Grund habe, einen #MeToo-Post bei Facebook zu verfassen.

Merken die Leute, die so etwas sagen oder schreiben denn nicht, dass sie ein Teil des Problems sind?! Wenn solche Aussagen einen Großteil der Reaktionen ausmachen, die Frauen erfahren, wenn sie darüber sprechen, dass sie sexuelle Gewalt und Belästigung erlebt haben, dürfen wir uns doch nicht wundern, dass noch immer so wenige sich trauen, mit einer Vergewaltigung an die Öffentlichkeit oder zur Polizei zu gehen. Eben weil da immer noch die Angst ist, dass ihnen nicht geglaubt wird.
Dann dürfen wir uns auch nicht wundern, dass so viele erst jetzt den Mut gefunden haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Seitdem die erste Frau ihre Anschuldigungen gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich gemacht hat, ist eine Debatte ins Rollen gekommen, die wohl so schnell nicht mehr gestoppt wird. Viele Frauen – und auch Männer – haben sich in den letzten Wochen zu Wort gemeldet. So viele Artikel, Facebook-Beiträge, Talkshows und Meinungen.
Ich finde es schwer, in wenigen Zeilen die richtigen Worte zu finden, um auszudrücken, wie sehr mich dieses Thema bewegt – so komplex, vielschichtig und umfangreich ist es.

Das alles spielt sich schließlich nicht nur in Hollywood ab. Ich persönlich kenne kaum eine Frau, die in ihrem Leben nicht schon mal in irgendeiner Form sexuell belästigt wurde. Und vermutlich kenne ich auch einige Männer, denen es genauso geht. Ich meine hier nicht zwangsläufig Vergewaltigungen oder Nötigungen, die mit einer physischen Gewalt einhergingen. Ich spreche vor allem von alltäglichem Sexismus.
Von Blicken, Gesten, von lauten Pfiffen, von Berührungen, die nicht gewollt sind.
Eine Hand auf dem Po im Club. Prolliges Hinterhergerufe, wenn man am helllichten Tag über die Straße läuft. Sprüche wie „Geben Sie es doch zu, ich mache Sie nervös“ von Männern, die älter sind als der eigene Vater, oder „Boah, hast du geile Beine“, wenn man es wagt, einen Rock anzuziehen. Jemand, der nicht nur permanent aufs Dekolleté glotzt, sondern auch ungefragt an Brüste fasst.

Das alles sind Situationen und Momente, in denen man sich als Frau, in denen man sich als Mensch, unwohl fühlt, die nicht sein müssen, die nicht sein dürfen! Aber es sind gleichzeitig leider auch Situationen, in denen man oft lieber nichts sagt, weil man Angst hat vor der Reaktion des Gegenübers. Angst vor der Reaktion der Umstehenden. Man will ja nicht prüde oder spießig rüberkommen. Ist doch alles nur ein Scherz.
Wieso ist einem dann nie, und zwar wirklich NIE, ehrlich nach Lachen zumute?!

Ich habe keine Lust, mir sagen zu lassen, dass Männer nun mal so sind. Dass da doch nichts dabei wäre. Denn das stimmt nicht. Männer sind nicht so, und da ist was dabei!
Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der viele Menschen ihre Macht nutzen, um andere zu degradieren, zu bedrängen oder zu nötigen. Auch sexuell. Die Macht muss sich nicht darin ausdrücken, dass man ein Filmproduzent ist. Häufig reicht da ja schon die körperliche Überlegenheit oder die gefühlte Macht, die sich im Kopf eines Menschen entwickelt, wenn er auf der Karriereleiter ein paar Sprossen über dir steht.
Es darf nicht mehr sein, dass Frauen nicht auf Weihnachtsfeiern gehen, weil sie Angst vor übergriffigem Verhalten ihres Chefs haben. Es darf nicht sein, dass Frauen keine Röcke mehr anziehen, weil sie keine Lust auf blöde Sprüche haben. Es darf nicht mehr sein, dass Frauen andere Frauen als „Flittchen“ bezeichnen, weil diese sich angeblich zu freizügig kleiden würden und es daher doch angeblich selber Schuld seien, wenn Männer sie sexuell belästigten. Es darf nicht sein, dass Frauen sich nach einer Vergewaltigung zuerst fragen, was sie falsch gemacht haben.

Und genau deswegen ist die #MeToo-Debatte nicht übertrieben, nicht an den Haaren herbeigezogen und überhaupt nicht lächerlich. Nein – vielmehr wurde es allerhöchste Zeit, dass wir endlich öffentlich darüber sprechen.
Ich finde, wir alle sollten „me too“ sagen, weil Sexismus und sexuelle Gewalt nämlich definitiv keine Probleme von Einzelnen sind, sondern von unserer ganzen Gesellschaft!

 

Ein Gedanke zu “Tag 12: #MeToo

  1. Me too! Aber ich glaube, daran wird sich nie niemals was ändern. Es wird immer Narzissten, Egomane und gewaltbereite Männer geben, und genau deshalb wird es nie aufhören.
    Trotzdem ist es wichtig seine Stimme zu erhaben! Denn das ist das einzige was wir Frauen entgegenhalten können.

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