Tag 11: Meine Darmzotten, ihr Feind und ich.

Das Wort Gluten hat für mich folgende Bedeutung.

Gift: Für meinen Körper

Liebe: Zu allem, was Gluten beinhaltet

Untergang: Als ich die Diagnose erhielt

Trotz: Als ich die Diagnose erhielt

Empörung: Über alle Gluten-Heuchler

Naivität: Weil ich dachte, ich könnte es ignorieren

Als ich circa neun Jahre alt war, verbrachte ich meine Abende damit zu weinen. Meine Eltern wussten zeitweise nicht mehr, was sie mit mir machen sollten. Von einer Depression bei Neunjährigen hatten sie noch nicht gehört – war wohl eher ein vorzeitiger Pubertätsschub (so dachten sie). In der Zeit entwickelte ich mich auch von einem süßen, drahtigen, kleinen Mädchen zu einer pummeligen, aufgedunsenen, bleichen Kreatur. Das würden natürlich alle verneinen, die mich zu dieser Zeit bereits kannten, aber glaubt mir – die Fotos sprechen für sich. Zwei Jahre, 300 Arztbesuche, unzählige Heilpraktikererfahrungen und ein Krankenhausaufenthalt brachten dann Klarheit. Die Diagnose: Zöliakie. Damals hatte ich weder davon, noch von Gluten jemals gehört. Ich muss zugeben, dass ich es erstmal cool fand, weil ich mich abheben konnte und dauernd eine „Extrawurst“ bekam. Aber mit der Zeit und einigen Gesprächen mit einer Ernährungsberaterin stellte sich dann heraus, was das eigentlich für mich bedeutete. Lebenslanger Verzicht auf alles, was Gluten beinhaltet. Damals gab es noch keine Apps mit denen man Barcodes abfotografieren konnte. Produkte, die Gluten beinhalteten, mussten nicht gekennzeichnet werden und leckere glutenfreie Produkte gab es sowieso nicht. Ich ging also wochenlang mit einem riesengroßen, schweren Lexikon in den Supermarkt und schaute jedes Produkt, das ich essen wollte, darin nach. Die erste Zeit hielten sich alle streng an meine Diät – auch ich. Als dann meine Pubertät begann, musste ich ja irgendwie rebellieren. Einige Kinder fingen an zu rauchen oder tranken Alkohol. Meine Rebellion bestand darin, so viel Gluten wie nur möglich  zu essen. In all den Jahren meiner Rebellion hatte ich mich schon so an die Schmerzen gewöhnt, dass ich mir eingebildet habe, die Allergie sei verschwunden und ich könnte jetzt alles wieder essen. Ein Besuch bei meiner Gastroenterologin letztes Jahr brachte Klarheit – die göttliche Heilung kam nicht, die Zöliakie blieb.

Ich betreibe sehr gerne, sehr häufig Selbstreflexion und die, die auf die letzte endgültige Diagnose folgte, war: warum fällt es mir so schwer, die Diät einzuhalten und einfach zu akzeptieren, dass ich krank bin? Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es der wahnhafte Zwang in Teilen der Bevölkerung ist, sich mit Essen – insbesondere glutenfreier Ernährung – auseinanderzusetzen. Für mich sind das die liebevoll genannten Gluten-Heuchler. Ich gebe euch mal einen kurzen Einblick in die Materie.

Die als selten und vor allem genetisch veranlagte Zöliakie weist zum einen Merkmale einer Allergie und zum anderen die einer Autoimmunkrankheit auf. Folge ist die chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut, die wiederum Folgererkankungen wie Lymphknoten-Krebs oder Karzinome im Verdauungstrakt mit sich ziehen kann. Die Behandlung einer Zöliakie besteht momentan einzig aus der glutenfreien Diät, die lebenslang eingehalten werden muss. Das, was wir umgangssprachlich als Gluten-Intoleranz bezeichnen, ist eine idiopathische Glutensensitivität. Idiopathisch heißt in dem Zusammenhang (und auch sonst), dass die Erforschung der Ursache der Erkrankung bislang erfolglos war. Im Grunde genommen ist das die Diagnose bei den Patienten, die beim Arzt über Blähungen, Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme klagen und bei denen eine Zöliakie (die nur über eine Biopsie der Darmschleimhaut nachgewiesen werden kann) ausgeschlossen wird. Ihnen wird dann eine glutenfreie Ernährung vorgeschlagen und es geht ihnen (vermeintlich) besser. Weil es ihnen besser geht, müssen sie die ganze Welt davon überzeugen, dass glutenfreie Ernährung so viel gesünder ist.

Neuesten Untersuchungen zufolge geht man von einer Prävalenzrate von 0.2% in der deutschen Bevölkerung aus. Bei einer geschätzten Einwohnerzahl von 83 Millionen würde das einer Anzahl von 16.600 Menschen entsprechen. In einer Gruppe von 5000 Menschen wäre also nur eine Person an Zöliakie erkrankt. Ihr seht – die Zahlen sprechen für sich.

In Zeiten, in denen wir uns (in Deutschland) keine Gedanken um unser Grundbedürfnis – nämlich Essen – machen müssen, fällt es leicht, auf Dinge gewollt zu verzichten. Glutenfrei, Laktosefrei, Zuckerfrei und am besten Vegan. Klingt vielversprechend und so viel besser als trocken, hart und doppelt so teuer. Dank Bestsellern wie „Ein Darm mit Charme“ redet jetzt jeder gerne über Blähungen, Durchfall und Magenbeschwerden. Aber die sind einfach nicht gleichzusetzen mit dem Risiko an Krebs zu erkranken oder von keiner privaten Krankenkasse angenommen zu werden, weil mein ein zu hohes Folgeerkrankungsrisiko mit sich trägt. Ganz zu schweigen davon, dass ich im Prinzip nicht draußen essen kann ohne Bauchschmerzen zu haben, weil viele Restaurants den Wunsch nach glutenfreiem Essen nicht so Ernst nehmen, wie sie es sollten.

Ich leider unter dieser Allergie, wenn ich mich davon befreien könnte, würde ich es tun. Ich stelle mir dann immer wieder die Frage, warum man sich das freiwillig antut? Ist es, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Manchmal sag ich schon garnicht mehr, dass ich allergisch bin. Dann esse ich einfach nichts und sage ich hab keinen Hunger, weil ich nicht wieder die gleiche Geschichte von vorne erzählen will oder weil ich nicht als die abgestempelt werden möchte, die dem Ernährungswahn verfallen ist. Ernährung ist nämlich so wie Religion, man sollte sie für sich leben und nicht andere von der eigenen Ideologie versuchen zu überzeugen. Versteht mich nicht falsch, jeder sollte so essen, wie es ihm gut tut und wenn man das Gefühl hat, Gluten oder ähnliches nicht besonders gut zu vertragen – why not? Aber bitte – heuchelt euch und den Menschen um euch herum nichts vor. Das ist nämlich eine Beleidigung für all die, die tatsächlich davon betroffen sind. Ich gehe ja auch nicht durch die Weltgeschichte und erzähle, ich habe einen Gehirntumor, weil ich oft Kopfschmerzen habe.

Ich sehe das mittlerweile ganz ökonomisch – je höher die Nachfrage, desto höher das Angebot und davon profitiere ich besonders. Die Gluten-Heuchler ignoriere ich einfach und im Restaurant lasse ich, wenn es sein muss, das Essen mehrmals zurückgeben, wenn ich merke, dass ich es nicht essen darf. Die Zöliakie und ich sind jetzt Freunde. Meine Darmzotten freuen sich sehr darüber. Auch diese Geschichte hat also ein Happy End.

 

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