Tag 9: Die Geschichte von der Durchtrennung meiner Nabelschnur..

…oder auch wie ich es endlich schaffte mich von Hotel Mama zu verabschieden.

Einige Momente in unserem Leben sind dazu bestimmt für die Ewigkeit zu sein. Die ersten Schritte, das erste Wort, der erste Liebeskummer oder das erste Mal geblitzt werden. Das erste Mal ist halt immer ganz besonders – es gibt ja einen Grund warum nie jemand vom zweiten Mal spricht. Ich hatte schon viele erste Male von irgendetwas, die mir immernoch in schöner Erinnerung geblieben sind. Zum Beispiel als ich mir das erste Mal die Augenbrauen (!) mit einem mir unbekannten Objekt (!) rasieren (!!!) wollte. Naja ich wollte nicht nur, ich tat es auch und hatte eine Augenbraue weniger. Oder als ich mich bei meinem ersten Kinder-Date zwei Stunden hinter einem Bücherregal versteckt habe, um den von mir Angebeteten zu beobachten.

Bestimmte Momente bleiben aber nicht nur für die Erinnerung, sie können auch das ganze Leben verändern. Vor zwei Wochen ist mir genau das passiert. Ich öffnete einen Brief mit der festen Überzeugung eine Uniabsage zu erhalten und bekam einen Zulassungsbescheid aus Freiburg. Normale Menschen erhalten soetwas Anfang September, ich natürlich erst sechs Tage vor Semesterbeginn. Da stand ich also mit einer Zulassung von der Uni, von der ich es am wenigsten erwartet habe, die im äußersten Süden von Deutschland liegt – ohne Wohnung, irgendwelche sozialen Kontakte und ohne diese Stadt jemals überhaupt gesehen zu haben.

Das war im dem Moment aber total egal, denn mein erster Gedanke war: ICH MUSS AUSZIEHEN. Auch hier kann ich nur sagen, viele durchleben diese Phase schon sehr viel früher. Bei mir hat es eben ein wenig gedauert. Bei kleinen Kindern spricht man von Entwicklungssprüngen, wenn sie von einer Lebensphase in die nächste übergehen. Wenn mein Patenkind zum Beispiel von einem auf den anderen Tag nicht mehr auf meinen Arm wollte, weil die Phase des „Fremdelns“ begann. Nach ein paar Tagen oder manchmal auch Wochen ist diese Phase aber wieder vorbei. Ich glaube, dass wir auch solche Entwicklungssprünge machen, wenn wir älter werden. Bei mir hat der Schritt der Abkopplung von meinem Elternhaus irgendwie ein paar Jahre gedauert, aber immerhin, er findet so langsam sein Ende. Dafür konnte ich in der Zwischenzeit aber um die Welt reisen, neue Sprachen lernen, Praktika absolvieren und habe einen kulturellen Weitblick bekommen, den nur wenige haben. Es geht also nicht um die Tatsache, dass ich jetzt auf mich alleine gestellt bin. Ich fühle mich eher so, als hätte jemand die imaginäre Nabelschnur zu meinem Elternhaus nicht feinsäuberlich durchgeschnitten sondern einfach abgerissen. Ich war traurig und mir wurde schlagartig und schmerzhaft bewusst, dass ich jetzt wirklich erwachsen werde. Diese Gefühle habe ich aber erst einmal für mich behalten, denn ich war ja längst überfällig. Aber warum eigentlich? Wir sind doch keine alten Joghurtbecher, die man nach Ablaufdatum einfach wegschmeißen kann. Gibt es tatsächlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Kinder, die bei ihren Eltern wohnen?

Ich sage ganz klar: nein! Abgesehen davon, dass jede Familie diese Entscheidung für sich selbst treffen muss, finde ich, dass ein Zusammleben von mehreren Generationen immer eine Bereicherung ist. Familie steht für mich an erster Stelle – egal was kommt. Die Beziehung, die ich zu meinen Eltern pflege, ist besonders. Ich hatte die Möglichkeit meine Großeltern jeden Tag zu sehen. Ich habe alle Phasen der Pubertät meines fast acht Jahre jüngeren Bruders miterlebt – und er meine. In meinen wirklich fiesen Lebensphasen war ich nie allein. Emotional wäre ich das zwar auch nicht gewesen, wenn ich in Alaska gelebt hätte, aber wir kennen das doch alle: wenn es einem schlecht geht braucht man eine Umarmung von den Eltern. Für uns hat es nie eine Rolle gespielt, dass uns andere sagen wollten, das sei nicht gut oder normal. Für uns war es genau das – völlig normal.

Der Umzug nach Freiburg wird daran nicht viel ändern. Natürlich werde ich nicht mehr so viel zuhause sein, wie ich es vorher war. Aber es gibt ja noch Wochenenden, Semesterferien und freie Tage. Der Abschiedsschmerz ist vorüber und ich freue mich auf die nächste Phase in meinem Leben. Vielleicht brauchte ich diese zusätzlichen Jahre, um emotional gefestigter zu sein und vielleicht bin ich jetzt tatsächlich bereit für diesen neuen Schritt. Das probiere ich jetzt mal aus. Das Experiment „Nana allein in Freiburg“ startet somit offiziell – wish me luck.

 

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