Tag 6: Frauen am Steuer in Saudi-Arabien und was das mit uns zu tun hat

Hurra, die Frauen in Saudi-Arabien dürfen jetzt auch Auto fahren! Kronprinz Mohammed bin Salman selbst hat es ihnen gestattet. Außerdem können Mädchen nun am Sportunterricht teilnehmen und später sogar studieren!

Wenn man das heute in Deutschland liest, fällt es einem vor allem schwer, zu glauben, dass ein Mann den Frauen es vorher überhaupt hat verbieten können. Die strengen Verbote für Frauen in Saudi-Arabien liegen so fernab von unserer Realität, dass wir nur mit dem Kopf schütteln. Glücklicherweise hat der Feminismus es hier ja schon viel weiter geschafft, Frauen sind den Männern gleichgestellt und haben auch nicht mehr häufig mit Sexismus zu kämpfen.
Denken wir.

Denn wenn man mal näher darüber nachdenkt, begegnen auch uns im Alltag Dinge, die zwar absolut nicht zu vergleichen sind mit dem eingeschränkten Leben der Frauen in Saudi-Arabien, die aber trotzdem zeigen, dass auch wir noch lange nicht an dem Punkt sind, an dem wir uns vielleicht gerne sehen würden.
Wenn ich im Drogeriemarkt merke, dass das identische Produkt, zum Beispiel Einwegrasierer oder ein Deodorant, für Frauen deutlich teurer ist, als für Männer. Wenn ich merke, dass ich beim Friseur auch fürs bloße Spitzen schneiden mehr bezahlen muss, als ein Mann. Wenn ich auf den Titelseiten beliebter und gut verkaufter Frauenmagazine Schlagzeilen lese wie „Heisser, besser, reicher. Sex up your life: Wie Sie Alltag, Karriere und Kontostand im Bett regeln“ oder „Wie frech Frauen heute im Bett lügen“. Wenn ich mir bei Youtube das Video mit der Moderatorin Palina Rojinski zur Bundestagswahl ansehe, in dem sie in einer Badewanne liegt und dazu aufruft, wählen zu gehen, und ich mir dann die Kommentare durchlese. Hier finden sich beinahe nur Bemerkungen wie „Palina du saftige Zuchtstute“, „wenn sie aufgestanden wäre hätte sie mich überzeugt“, „Ganz klar: Ficken“ oder „zu viel Content, zu wenig Titten :-(“ (und das waren noch die „harmlosen“ Kommentare). Wenn ich darüber nachdenke, dass die Pille für den Mann nicht auf dem Markt ist, weil man die Nebenwirkungen, die mit der hormonellen Verhütung einhergehen, dann doch lieber den Frauen zumutet. Wenn ich lese, dass Frauen für ihre Arbeit immer noch weniger Geld verdienen als die Männer. Und wenn wir dann ernsthaft über die Frauenquote diskutieren.

Feminismus ist kein positiv besetztes Wort. Weder in unserer Generation, noch in der deutschen Gesellschaft. Nicht nur unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel tut sich schwer, sich als Feministin zu bezeichnen, sondern auch viele andere Frauen und Männer sowieso, denn die denken wohl häufig, dass der Feminismus gegen sie und ihre Männlichkeit gerichtet sei. Was überhaupt nicht stimmt. In meinem Verständnis hat Feminismus vor allem das Ziel, dass tatsächlich beide Geschlechter komplett gleichgestellt sind. Nicht mehr und nicht weniger.
Dennoch wird die Nase gerümpft, über Feministinnen und Feministen geschimpft oder – noch schlimmer – sie werden belächelt. Das muss sich ändern. Denn um eine wirkliche Gleichstellung beider Geschlechter auch in unserer modernen Gesellschaft zu erlangen, brauchen wir mehr von ihnen.
Wir dürfen uns nicht ausruhen auf unseren bisherigen Errungenschaften. Errungenschaften, die vor allem Frauen der Generationen vor uns erkämpft haben, für die wir dankbar sein müssen und auf die wir stolz sein können.

Aber wir sollten nicht den Fehler machen, zu denken, dass nur weil wir in unserem unmittelbarem Alltag  nicht so viel von dem Ungleichgewicht merken – weil wir Frauen in Deutschland ja studieren, wählen gehen und unser eigenes Geld verdienen dürfen – uns das alles nicht betrifft.
Wahre Emanzipation ist nämlich erst dann erreicht, wenn Frauen Auto fahren dürfen, gleiches Geld für gleiche Arbeit bekommen, sich ein Deo für den gleichen Preis wie ein Mann kaufen und sich zur Staatschefin wählen lassen können.
Egal ob in Deutschland, in den USA oder in Saudi-Arabien.

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