Tag 4: Die Qual der Wahl

Ich hatte letzte Nacht einen ziemlich verwirrenden Traum.
Das war kein richtiger Alptraum, eher so einer, der total real wirkt, aber gleichzeitig ziemlich absurd ist.
Am besten fange ich einfach mal vorne an:

Ich ging eine wunderschöne Straße entlang. Die ersten Anzeichen des Herbsts waren langsam sichtbar, goldene Blätter auf dem Boden, die Luft frisch und klar, es war nicht zu kalt und nicht zu warm. Wo mich mein Weg hinführte, weiß ich nicht, wahrscheinlich machte ich einen Nachmittagsspaziergang.
Da kam mir plötzlich eine hektische Frau entgegen. Sie war dunkelhaarig, trug ein Kostüm und neben auffallenden Ohrringen einen ziemlich strengen Ausdruck im Gesicht. Ohne sich mir näher vorzustellen, sagte sie, dass sie meine Unterstützung bräuchte, um gegen die Macht von Konzernen und Banken zu kämpfen. Etwas verwirrt schreckte ich zurück und verstand nicht ganz, wie genau sie das meinte und warum gerade ich ihr bei ihrem Plan helfen sollte. Sie fügte hinzu, sie hätte einen Oscar, was mich komplett verwirrte, denn so berühmt wirkte sie jetzt auch nicht.
Schnell verschwand die Frau wieder und ich zweifelte kurz an meinem Verstand.
Während ich noch nachdachte, kam schon wieder eine Frau auf mich zu, ähnliches Alter. Optisch aber weniger streng, eher Typ Grundschullehrerin. Auch sie schien wahnsinnig dringend mit mir sprechen zu wollen, so als würde die Zukunft unseres Planeten nur von mir abhängen. Die brünette Frau zischte mir zu, ihr Klimaziel sei es zu handeln.
Ich wollte sie verblüfft fragen, was das denn jetzt genau zu bedeuten hätte. Was verstand sie denn unter handeln? Doch sie kam mir zuvor und sagte, sie wäre ja auch nur ein Teil einer Doppelspitze, was mich endgültig aus dem Konzept brachte.
Dann war die Frau schon nicht mehr da.
Verdattert lief ich weiter, nahm eine Abbiegung. Wollte meine Ruhe und endlich das Wetter und die schöne Umgebung genießen. Da kreuzte ein Mann mittleren Alters im Anzug und mit einer Brille meinen Weg. Erst dachte ich, er würde über mich lachen, doch scheinbar war er vielmehr darüber amüsiert, was er mir anschließend mitteilte. Die Zukunft bräuchte neue Ideen und dann auch noch einen, der sie durchsetzen würde. Beschwingt zog er an mir vorbei, stammelte irgendetwas von hundert Prozent und ließ mich einfach so stehen. Ich verstand nicht, was das alles sollte und vor allem; was für Ideen denn? Und warum so kryptisch? Wollte der Mann mit Brille derjenige sein, der diese ominösen Ideen umsetzt?
Ich betrat kopfschüttelnd eine Parkanlage und beobachtete eine Familie, die sehr glücklich wirkte. Die Mutter zeigte ihrem Sohn gerade ein Bilderbuch, während der Vater den Beiden strahlend dabei zusah. Plötzlich sahen alle Drei mich an. Hatte ich sie zu sehr angestarrt, weil ich gehofft hatte, endlich mal auf normale Menschen zu treffen?
Die Frau sagte mir, Familien in Deutschland sollten es kinderleichter haben. Ich ging schnell an ihnen vorbei und verstand langsam die Welt nicht mehr. Waren denn alle durchgeknallt? Und was war das bitte für ein Wortspiel? „Kinderleichter“?
Als ich den Park verließ, stand da eine etwas ältere Frau, wieder im Kostüm, mit einem beseelten Gesichtsausdruck. Sie sah sympathisch aus, deswegen fragte ich sie, was denn hier überhaupt los sei und was alle von mir wollen würden. Doch sie reagierte nicht und blickte durch mich hindurch. Immer wieder wollte ich sie auf mich aufmerksam machen, doch die Frau blieb stoisch. Als ich sie irgendwann beinahe anschrie und fragte, warum sie hier stünde, antwortete sie mir plötzlich ganz sachlich: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“
Ich bekam es nun mit der Angst zu tun und ging schnellen Schrittes weiter. Fast stieß ich dabei mit einem modisch gekleideten Mann zusammen, der so vertieft in ein Video auf seinem Handy zu sein schien, dass er mich gar nicht bemerkte. Statt sich zu entschuldigen, sah er nur kurz auf und rief laut, wahrscheinlich wegen der Kopfhörer in den Ohren: „Digital First. Bedenken second.“ Noch bevor ich ihn fragen konnte, warum er mit mir halb deutsch, halb englisch sprach und warum die Bedenken für ihn erst ‚second’ kommen, spazierte er an mir vorbei.
Als ich gerade dachte, verrückter könnte es jetzt nicht mehr werden, erschienen drei dümmlich lächelnde Frauen im Dirndl – war ich plötzlich in Bayern? – und einem Glas Weißwein in der Hand. Eine erklärte mir, immer noch mit monotonem Lächeln, dass sie und ihre Freundinnen eher auf Burgunder stünden als auf Burka.

Schweißgebadet wachte ich auf. Ich begriff sofort, woher dieser verwirrende Traum, den ich in abgewandelter Form alle vier Jahre habe, kam.
Denn in nur sechs Tagen ist Bundestagswahl. Eine neue Regierung wird sich bilden und auch die bunten Wahlplakate werden dann wieder abgehängt.
Die politischen Ziele und Versprechen der Parteien werden aus unserem Alltag verschwinden. Genau wie nach dem letzten Wahlkampf vor vier Jahren.
Und das ist doch irgendwie gefährlich. Gerade in einer Zeit, in der man beim Wahl-O-Mat gefragt wird, ob der Holocaust Bestandteil in unserer Erinnerungskultur bleiben soll. In einer Zeit, in der mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit in ein paar Tagen Nazis in den Bundestag einziehen werden.

In vier Jahren werde ich wieder so einen Traum haben, das weiß ich jetzt schon.
Ich wünsche mir, dass die Frauen im Dirndl darin nicht mehr vorkommen werden.

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s